Buchhandlungspreis gestrichen: "Deutschland verrecke" spaltet Kulturpolitik und Justiz
Ivanka Blümel"Deutschland, verrecke" - Bremer Buchhandlung in der Kritik - Buchhandlungspreis gestrichen: "Deutschland verrecke" spaltet Kulturpolitik und Justiz
Ein Streit um die künstlerische Freiheit ist entbrannt, nachdem die Bremer Buchhandlung Golden Shop von der Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises ausgeschlossen wurde. An der Fassade des Ladens prangt der umstrittene Slogan "Deutschland verrecke bitte" – ein Zitat aus einem Punk-Song der 1980er-Jahre. Kulturminister Wolfram Weimer strich den Buchladen von der Shortlist, mit der Begründung, es gebe Bedenken hinsichtlich der verfassungsmäßigen Werte.
Die Entscheidung löste Empörung aus: Kritiker werfen Weimer Zensur und bösen Willen vor. Proteste folgten, die schließlich zur vollständigen Absage der Preisverleihung führten.
Die Außenfassade des Golden Shop zeigt ein Collage aus literarischen, musikalischen und filmischen Zitaten, darunter Passagen von Karl Kraus und Marshall McLuhan. Darunter findet sich auch der Satz "Deutschland verrecke bitte", ein Liedtext der Punkband Slime. Die Anwältin des Ladens, Lea Voigt, argumentiert, die Zeile habe künstlerisches Gewicht und vergleicht sie mit Heinrich Heines Gedicht "Die schlesischen Weber" von 1844. Darin verfluchen verarmte Weber das Vaterland – ein Schrei der Verzweiflung unter Unterdrückung, ähnlich wie die Songzeilen.
Weimer verteidigte den Ausschluss mit der Begründung, ein steuerfinanzierter Preis dürfe nicht an Staatsfeinde gehen. Er berief sich auf Erkenntnisse des Verfassungsschutzes, die den Schritt rechtfertigten. Allerdings hatte das Bundesverfassungsgericht bereits entschieden, dass solche Texte als künstlerischer Ausdruck zu werten seien – nicht als wörtliche Aufrufe zur Gewalt. Die Richter folgten damit im Kern Voigts Argumentation und zogen Parallelen zwischen der Verzweiflung im Song und Heines historischem Protest.
Die Gegenreaktion ließ nicht lange auf sich warten. Demonstranten versammelten sich vor dem Golden Shop und verurteilten Weimers Entscheidung. Unter dem öffentlichen Druck sagte er die geplante Feier ab und kündigte an, Preissummen und Urkunden direkt an die Gewinner zu überweisen. Die Kontroverse hat die Buchbranche gespalten – viele fragen sich nun, wo die Grenzen der künstlerischen Freiheit bei öffentlich geförderten Auszeichnungen liegen.
Der Golden Shop bleibt zwar von der Preisliste ausgeschlossen, doch die Debatte um seine Fassade geht weiter. Weimers Haltung stößt auf scharfe Kritik, während juristische und historische Präzedenzfälle die künstlerische Verteidigung des Ladens stützen. Die abgesagte Verleihung markiert ein ungewöhnliches Ende für einen Preis, der nun im Schatten von Streitigkeiten über Meinungsfreiheit und staatliche Förderung steht.