Deutschland testet Wehrdienst-Interesse – trotz ausgesetzter Wehrpflicht
Romuald SchweitzerMilitärberater bei der Einberufung: 'Elternsorgen wachsen' - Deutschland testet Wehrdienst-Interesse – trotz ausgesetzter Wehrpflicht
Deutschland hat damit begonnen, Fragebögen an junge Menschen zu versenden, um ihre Eignung für den Wehrdienst zu prüfen – obwohl die Wehrpflicht weiterhin ausgesetzt bleibt. Die ersten Schreiben gingen am 15. Januar in Sachsen-Anhalt raus und markieren den Start eines neuen Systems, das sich an alle 18-Jährigen richtet. Gleichzeitig hat die Sorge vor möglichen Konflikten seit dem Angriff auf den Iran im vergangenen Jahr zu einem deutlichen Anstieg von Reservisten geführt, die Rat suchen.
Die neue Regelung sieht vor, dass alle 18-jährigen Männer einen Fragebogen ausfüllen müssen, der ihre Motivation für den Wehrdienst bewertet. Frauen erhalten dasselbe Formular, sind aber nicht gesetzlich verpflichtet, darauf zu antworten. Zwar wird in Deutschland seit der Aussetzung der Wehrpflicht keine allgemeine Dienstpflicht mehr durchgesetzt, doch bleiben Männer zwischen 18 und 60 Jahren rechtlich gesehen weiterhin wehrpflichtig.
Seit dem iranischen Angriff im Oktober 2023 haben sich rund 1.200 Reservisten an die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland gewandt, um sich über mögliche künftige Einsätze zu informieren. Auch in vielen Familien herrscht Unbehagen: Eltern und Großeltern machen sich Sorgen, dass ihre erwachsenen Kinder oder Enkelkinder in den Streitkräften dienen müssten.
Die freiwilligen Bewerbungen für den Wehrdienst zeigen in diesem Jahr zwar einen positiven Trend, doch die Zahl der anerkannten Kriegsdienstverweigerer ist stark gestiegen: 2.830 wurden 2025 genehmigt, und bis Ende Februar 2026 waren es bereits 1.035. Wer den Militärdienst aus Gewissensgründen ablehnt, muss stattdessen einen Zivildienst leisten.
Falls es der Bundeswehr nicht gelingt, genug Freiwillige zu rekrutieren, hat die Regierungskoalition angedeutet, eine "bedarfsorientierte Wehrpflicht" einführen zu können. Dieser mögliche Kurswechsel erfolgt zu einer Zeit, in der Deutschland sich weiterhin mit der Vorstellung eines Krieges auseinandersetzt – obwohl es derzeit keine verpflichtende Dienstpflicht gibt.
Das Fragebogensystem soll das Interesse an militärischen Laufbahnen ermitteln, während die Wehrpflicht vorerst in der Schwebe bleibt. Angesichts steigender Zahlen von Kriegsdienstverweigerern und wachsender Besorgnis unter Reservisten spiegelt der Ansatz der Regierung sowohl die Rekrutierungsbedürfnisse als auch die öffentliche Skepsis wider. Das Ergebnis dieses Prozesses könnte die künftige Verteidigungspolitik Deutschlands prägen.






